Gedichtdetail

Von meinem Ochsen

Auch die Tiere, ihr dürft nicht lachen,
Können sich ihre Gedanken machen.
Einen Ochsen hab' ich im Stalle –
«Ochsen sind dumm!», unterbrecht ihr mich alle.
Doch da muss ich protestieren:
Der meine geht zwar auch auf Vieren,
Zupft aus der Raufe sein karges Fressen,
Ist auf Arbeit nicht arg versessen,
Zum Reden will seine Zunge nicht taugen –
Aber mein Ochse hat zwei Augen,
Runde Glotzaugen, die langsam sich drehn
Und dennoch viel verraten und sehn.
Oft wenn er pflügt mit müdem Rücken,
Scheinen sie gleichsam nach innen zu blicken:
«Einmal, einmal war eine Zeit,
Wo in Wäldern, auf Steppen weit,
Sich mein zäh und trotzig Geschlecht
Wehrte und nährte nach seinem Recht,
Unverweichlicht, vom Frondienst frei.
Wer rief dies Zwergengeschlecht herbei,
Das laut auf seine Bestimmung pocht
Und alle Kreatur unterjocht?

Im ganzen – die Wahrheit soll man ehren –
Mein Ochse könnt' manchen Menschen lehren,
Wie man als williger Untertan
Tut und lässt, was man muss und kann.
Wenn kein Futter mehr in der Krippe.
Ob satt oder nicht, er leckt sich die Lippe,
Legt sich nieder und mahlt und kaut,
Bis er das Seine redlich verdaut.
Komm' ich dann mit dem Joch auf dem Arm,
Blinzelt er erst: Hier läg' sich's warm!

Doch ich brauche nicht grob zu werden:
Macht ihm auch der Entschluss Beschwerden,
Er stellt sich gelassen auf die Beine,
Folgt mir rechtschaffen an der Leine.

Freilich – jetzt muss ich was Arges erzählen,
Auch ein Ochse kann einmal fehlen.
Jüngst, als ich ihn wollt' zu Markte führen,
Wagt' er's, ernstlich zu rebellieren,
Blieb urplötzlich breitbeinig stehn,
Hat mich sonderbar angesehn:
«Menschlein – du kannst mir nicht entrinnen,
Ein Hornstoss, und du fährst von hinnen!»
Mein armes Stündlein, wähnt ich für mich –
Sieh da – mein Ochse liess reden mit sich!

Und plötzlich fiel ihm was anderes ein,
Er empfahl sich und lief feldein;
Fern im Busch ist er verschwunden,
Zwei Tage hat man ihn nicht gefunden.
Aber am dritten, des Abends spät,
Seh' ich, dass er vor'm Stalltor steht.
Vor Freude tät ich die Strafe ihm schenken
(Ihr müsst an dreissig Goldstücke denken).
Ich schob in die Raufe das beste Heu,
Versorgt' ihn reichlich mit weisser Streu,
Bürstet' ihm glatt die Haare kraus,
Da sah er wieder gesittet aus.
Bei guter Kost kam er bald zurecht –
Am Freitag holt ihn der Schlächterknecht…

 

« zurück