Huggenberger und die Stadt
Huggenberger hatte es sehr bedauert, dass viele Landleute sich der Stadt zugewandt hatten, was ja auch die Folge der grossen Familien auf dem Land war: Einer übernahm den Hof, die anderen Kinder mussten auswärts ihr Auskommen finden.
Huggenberger war aber auch der Stadt zugewandt: Als Kind besuchte er zum Beispiel den Markt in Konstanz und den Chlausmarkt in Frauenfeld, als Jugendlicher war er Stammgast in der Kantonsbibliothek, er war Mitglied der Konstablergesellschaft Frauenfeld, er wurde Mitglied des renommierten Lesezirkels Hottingen-Zürich, sein erster Verlag befand sich in Fauenfeld, und anderes mehr. – Er wusste die Vorzüge der Stadt zu würdigen.
Sunntig i der Chlystadt
‘s ist Sunntigmorge, früeh am drüü,
‘s ist alles no in Federe gsy,
‘s ganz Städtli schloft, de Wächter au, –
Doch halt – was gits do für Radau?
Die enge Gasse händ’s chum g’schluckt:
Füf Trummler bengled wie verruckt.
De Schlöfere chunts schier vor de Schnuuf:
„Chunt d’Süüch – gits Chrieg? Tüend d‘ Feister uf!“
O nei – chönd ruehig witer pfuuse,
Er gsehnd elf Frauezimmerbluuse,
Vier elteri Grochser stampfed mit:
De Naturheilverein vo Grüt,
Sie gönd uf Hinderrämlisbuech
Zum Antichropfverein uf Bsuech.
Chum ist dä Tamtam dure gsy,
So ruckt e-n-anderi Sorte-n-y,
E-n-Attrakzion für Chind und Greis:
Zwee alt Trumbeeter schmettered eis,
E Waldhorn und e Bombardon:
„Der letzte Gotthardpostilion …“
‘s möchte eim vor Wehmuet ‘s Herz verbreche,
Do mues ein jo de Gwunder steche.
Zum Bett us schüssed Gross und Chly:
Wer mag das sy – wer mag das sy?
De gschydst Professer wür’s nid ahne:
‘Sind d’Chlauebutzer-Veterane,
Sie gönd mit Wyb und Enkelchinde
An Fachkongress uf Allewinde.
Jez taged’s dänn so noh und noh,
Die erste Turnverein sind cho,
Mit Horn und Fahne woll verseh,
Will’s z’Bächi sött e Turnfest gäh.
Der erst, dä füehrt e Juxkapelle:
Bapiertrumbeete, Chalberschelle;
E-n-elters fahrbars Gramophon
De Zweit ist meh uf’s Volkslied g’aicht, –
Au die händ ihren Zweck erreicht,
Sie singed, ‘s tuet de Steine weh:
«Han ame-n-Ort es Blüemli gseh!»
Jez chönd die Lüt tänk wieder schlofe,
Nei, herter tarf me’s nüme strofe!
Si g’nucked y, ziehnd d’Decki ue, –
Was gits do? Brüelet nid e Chue?
Und wieder gönd all Läufer uf,
Zwölf Auto rased ‘s Städtli uf:
De Chnochemehlverein vo-n-Aue
Wott d’Wäggitaler Muur go g’schaue.
‘s hät underdesse Bätzit g’lüt’t,
Doch cha’ mes nid recht g’nüsse hüt:
D’Blechharmonie vo Hinderlenz,
Die macht de Glogge Konkurrenz.
Zwee Pauker bummered, starch und gern,
Motiv: «Das ist der Tag des Herrn!»
Du häst e-n-Ahnig, süess und gross, –
Jo, mach die g’fasst – iez goht’s erst los!
Elf Böllerschüss, dass d’Feister chnelled
Und d’Telephon vo selber schelled –
Jasoo – hüt gilt’s dem Vatterland!
Es chnatteret scho im Schützestand,
Es chömid a die dryssg Verein,
Do rucked’s y, es fehlt e kein!
E Stund lang duret ‘s Defilee,
‘s git vill für’s Aug, für’s Ohr no meh:
Handorgele, Trumme, Blech und Pfyffe,
De Schlossturm wür sich gern verschlüüfe,
Denn uf em Märtplatz wird allsgmach
Au d’Budestadt vom Lärme wach.
‘s chunt Bummelvolck mit Chind und Chegel,
Vom Obertor her d’Wandervögel.
Zweihundertstimmig singed’s fest:
«Behüt Dich Gott, du stilles Nest!»
Quelle: Gedichtband Stachelbeeri, 1927