Sammelsgrüt
Wenige hundert Meter, am Hang oberhalb der Autobahn, liegt der Weiler Sammelsgrüt. Der Stammbaum der Familie Huggenberger besagt, dass 1636 Samuel Huggenberger aus Huggenberg oberhalb Elgg als Hochzeiter der Witwe Anna Gubler ins Teufelsgrüt (Samuelsgrüt, heute Sammelsgrüt) kam und den dortigen Hof im Lauf der Jahre beträchtlich vergrösserte. Nachfahren zogen nach Bewangen, wo Alfred Huggenberger als deren Nachkomme aufgewachsen ist.
Damals – ohne Autobahn – wie heute, ist Bewangen in eine sehr ländliche Umgebung zwischen Hügeln eingebettet. Alfred Huggenberger fühlte sich hier, umgeben von Feldern mit weidendem Vieh, Wiesen und Reben sehr heimisch. Bewangen gab und war ihm Heimat, die in seiner Literatur zu einem zentralen Thema gedieh. Er wurzelte tief im Bauernstand, die Lebensart seiner Zeitgenossen war ihm vertraut und gaben ihm Halt. Sein literarisches Werk dreht sich denn auch um die Landwirtschaft, den Bauernstand, die Natur und die gesellschaftlichen Verhältnisse in diesem landschaftlichen Idyll, das eher von Not und Mangelwirtschaft geprägt war.
Lob des Herkommens
Meine Ahnen, das muss ich wohl bekennen,
Sind keine Auserwählten zu nennen.
Sie haben, solang man ein Pfarrbuch schreibt,
Gemäht, geackert und sich beweibt,
Sie zahlten der Oberkeit Last und Gaben,
Waren etwan auch für ein Listlein zu haben,
Wie’s denn der Christenmensch gern so treibt,
Das ihm sein Hemdlein am Leibe bleibt.
Sie haben Spiess und Flinte getragen,
Von Heldentaten ist wenig zu sagen,
Nicht weil ihre Seelen viel drum wussten,
Sie kriegten eben auch weil sie mussten,
Stiegen doch lieber zu süssem Raube
In eines Kirschbaums Märchenlaube
Und schmausten, durchwärmelt von Gottes Güte,
Sich allen Weltschmerz aus dem Geblüte.
Wennn’s dann so rechtschaffen Sommer war,
Und man vermeinte zu schmelzen gar,
Sie haben die Gefahr gerochen
Und haben ihr den Spitz abgebrochen,
Streckten sich lang im Nussbaumschatten,
Bis es kühler ward auf Feld und Matten.
Da ist wohl leichtlich herauszuschälen,
Sie waren keine Rechnerseelen,
Überliessen’s auch gern den andern,
Nach einem Kanaan auszuwandern,
Vermeinten vielmehr, sie hätten’s schon
Und begehrten vom Herrgott nie Stundenlohn.
Hat einer mal einen Anlauf genommen,
Er ist eine Schneckenmeil‘ weit gekommen,
Schlich, so man wähnte, er wär‘ vom Fleck,
Wieder herein am andern Eck.
In Summa, ihr zieht die rechte Lehr‘:
Es ist mit mir leider nicht weit her,
Von derlei Vätern, unverhohlen,
Ist wenig Glanz und Hochmut zu holen.
Hagbuchenspross wächst wieder krumm,
Man kommt nicht um sich selber herum.
Ich möchte mein Erbgut drum doch nicht verschenken,
Kann mir die Sach‘ auch nicht anders denken.
Ist mir von dem, Was ich übernommen,
Doch etzliches bitter gut bekommen,
Bin kein verzuckert Wickelkind,
Auch kein Zitterläublein im Wind,
Hab‘ gelernt, nach dem Wetter zu sehn,
Auf meinen eigenen zwei Beinen zu stehn.
Die ihr längst wieder Staub geworden,
Vergessene, ohne Ruhm und Orden,
Ich dank euch, dass mir die Sonne scheint,
Mein Dank ist fröhlich und treu gemeint.
Ich lieb euch um euer einfältig Leben,
Ich liebe, was Gott mir durch euch gegeben,
Warmes Blut, um Liebe zu tauschen,
Ein Herz, der Wiese Traum zu erlauschen,
Eigensinn und Eigensitz
Und ein Quintlein Mutterwitz.
Quelle: Gedichtband „Lebenstreue“, 1923